Ein Text von Claudia Cardinal

Angst - Kommunikation in coronäischen Zeiten

Wirrungen

Vor Corona: Wann immer irgendwo in Deutschland ein meist vollbesetzter Zug aus irgendwelchen Gründen still stand, harrten alle dort Sitzenden aus, wie es auch alle anderen taten, die an den Bahnsteigen vergeblich auf ihren Zug warteten. Fragende Blicke schwirrten umher, es wurde nach Antworten gesucht. Und in großer Unsicherheit spielten sich dann Szenarien vor den Augen der Wartenden ab, die die ganze Bandbreite der Palette von Suiziden, schweren Unfällen - vielleicht sogar Anschlägen - in sich bargen. Der sichere Heimweg schien ungewiss. Und alle warteten auf erlösende Worte durch die Lautsprecher. Diese allerdings kamen in den seltensten Fällen.

Mit Recht wurde die Bahn für diesen Umgang mit ihren Fahrgästen schwer kritisiert. Der Informationsfluss stand ebenso still und unbeweglich, wie der ganze Zug selbst. Die Folge davon: Unsicherheit!

Während Corona:

Die Züge sind leer gefegt und Verspätungen sind seltener geworden. Nun allerdings haben wir es mit einer perfekten Welle an Informationen zu tun. Ein ganzes Land - ach, vielleicht sogar die ganze Welt? - hantiert mit Zahlen. Es ist von Inzidenzien die Rede, deren Aussagekraft an anderer Stelle auch wieder in Frage gestellt wird. Tägliche Landesübersichten über die Ansteckungsraten und Neuinfektionen machen die Runde. Ein Corona-Live-Ticker übersät uns alle mit Nachrichten. Dazu kommt noch die eine oder andere App, die - kaum sind sie da - schon wieder als untauglich und falsch eingestuft werden. Die Nachrichten überschlagen sich und täglich kann neu nachgeschaut werden, ob im häuslichen Landkreis und Wohnort ein Gang vor die Tür nach 21 Uhr erlaubt ist oder nicht.

Sascha Lobo, (u.a. Kolumnist beim Spiegel) fragte sich, ob er sich angesichts der bürokratischen Regelungen in Hamburg, morgens um 4 Uhr die Maske an einer Straße mit der Hausnummer 7 die Maske abnehmen solle oder nicht. Das ist die Seite der Bestimmungen und Regelungen, die in einem föderalistischen Land, wie es unseres ist, undurchschaubar, verworren und oftmals auf besondere verdrehte Weise absurd erscheinen. Ja, und viele Menschen können kaum nachvollziehen, was der Sinn dabei sein soll. Unverständliche Regeln einzuhalten fällt dabei besonders schwer.

Die Steigerung:

Menschen mit teilweise lebensbedrohlichen Erkrankungen und ohne medizinische Ausbildung hantieren oftmals mit Blutwerten, ohne sie nachvollziehen, geschweige denn begreifen zu können. Menschen, die ein bisschen Geld haben (oder auch keins) informieren sich über Börsenwerte, ohne die Materie zu begreifen. Über die Rechtmäßigkeit der Zahlen in coronäischen Zeiten sind sich selbst Fachleute (Experten?) völlig uneins. Dass auch in diesen Fällen Rechthaberei an die erste Stelle tritt, spricht nicht sonderlich für uns alle.

Wir haben es mit einem kaum greifbaren Phänomen zu tun und bieten Strategien an, von denen sich auch alle uneins darüber sind, ob sie nun wirksam sind oder nicht. Hat eine Maßnahmenicht den gewünschten Erfolg, wird - frei nach Watzlawick - „mehr vom selben“ angeboten. Nein, das wird nicht angeboten, es wird angedroht! Und diese Drohung ist fatal.

Der Mensch stirbt nicht vom Gift, der Mensch stirbt nicht vom Tod - er stirbt vor lauter Todesangst, er stirbt, wenn man ihm drohtDer Buba, Arik Brauer

Zukunft im Koma und künstlich beatmet auf Intensivstationen verbringen werden, ist das falsch, ebenso wie die Gleichung „Corona = Tod“. Wir haben es mit einer Pandemie ungeahnten Ausmaßes zu tun, doch offensichtlich werden in diesen Momenten eher Ängste anstatt Hoffnungen geschürt. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit findet nicht statt. Wir sind gejagt davon, auf irgendeine Weise Corona entfliehen zu können und zurück in den Schoß der gefühlten Unsterblichkeit zu gelangen. Welche Illusion!

Wir werden alle sterben:

Auch Menschen, die eine Covid- Infektion überstanden haben, ebenso wie alle, die geimpft wurden und werden, alle neu geborenen Säuglinge und alle, die das Lebensalter von neunzig überschritten haben, werden sterben. Woran das sein wird, ist noch unklar, aber so sicher, wie ein Amen in einer Kirche, egal welcher Konfessionszugehörigkeit!

Ein Leben mit Aussicht oder „die Letzten sollen die ersten sein“:

Möge der Ernst der Lage deutlich werden, doch ohne alle Menschen ins Bockshorn zu jagen. Mögen alle Fachleute der Welt ihr Bestes bereithalten, Krankheiten und ihre Symptome zu lindern. Mögen alle Medien informieren und mögen alle, die anderer Meinung sind, dies auch kundtun dürfen. Doch welche Anmaßung steckt dahinter, Menschen unter Druck zu setzen und Ängste zu schüren! Welche Anmaßung steckt dahinter, zu glauben, dass ein Tod eines lebendigen Organismus verhindert werden könnte! Welche Anmaßung, die Haltung einzunehmen, vor jeder Krankheit oder dem Sterben verschont zu bleiben! Für das Leben und für den Abschied vom Leben sind andere Instanzen zuständig. Es wäre wohl geraten, die sogenannten letzten Fragen anzugehen, damit ein gutes Leben und eines Tages ein guter Abschied stattfinden kann. Und mögen alle angesetzten Maßnahmen Wirkung zeigen - doch bitte ohne Angst und Panik.

Wer den Mut hat, die so genannten „letzten Fragen“ hervorzuholen und mitten im Leben zu einem Thema zu machen, hat die Möglichkeit, diese Todesängste verwandeln zu können. Das Sterben selbst wird das weder verhindern, noch früher eintreten lassen. Doch das Leben könnte gehaltvoller werden. Vor Corona haben wir uns in einem Kosum-Disney-Land befunden. Jetzt stehen wir vor Gefahren, die sich mit einer „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ nicht mehr vertragen. Das ist eine Chance, um auf dem Boden der Tatsachen landen zu können - so oder so ist das Leben endlich.

Ein paar Beispiele für die ersten, letzten Fragen: i. WiewarmeinLeben?

ii. Bin ich einverstanden mit dem, was ich gelebt habe? iii. Was bereue ich?

1. Welche Enttäuschungen habe ich in meinem Leben eingefangen?

2. Welche Enttäuschungen habe ich in meinem Leben ausgeteilt? iv. Bin ich mit meinen Lieben in Frieden?v. Habe ich liebe Menschen um mich?vi. Habe ich genügend geliebt?vii.Bin ich genügend geliebt worden?viii.Werde ich leiden müssen?ix. Wo komme ich hin?x. Gibt es etwas nach dem letzten Atemzug?

 Claudia Cardinal 2021

Lebewohl